Was ist Design? Albrecht Dürer: MELENCOLIA I

Designtherapie? 

Der Begriff Designtherapie bezeichnet eine kunsttherapeutische Methode.

These:  Design = Architektur en miniature = Baukunst
Bau-Kunst kann wie jede Kunst kunsttherapeutisch angewendet werden.
Design = Architektonisches Gestalten vom Sandburgen-Bauen bis zum skulpturalen Objekt-Design, bis hin zum kompositionellen Auf-Bau eines Bildes. Architektonik ist ein Baustein der Kunsttherapie.


Nachstehender Aufsatz erläutert die Begriffsbildung und die spezifisch kunsttherapeutischen Möglichkeiten von Designtherapie:

 

Designtherapie = architekturale Kunsttherapie?

    Der Begriff »Designtherapie« erhellt sich, wenn man Design im weitesten Sinne unter dem Oberbegriff von Architektur betrachtet. Und dann fragt: Warum nicht die Kunst der Architektur kunsttherapeutisch anwenden? »Musiktherapie« – ja, »Maltherapie« – ja. Aber »Architekturtherapie«? oder »architekturale Kunsttherapie«? Warum forderten die unterschiedlichsten Therapieformen jede Einzelkunst aus dem klassischen Reigen der Künste mehrfach zum Tanz auf (Plastizier-, Mal-, Musik-, Sprach- Bewegungs- und Schauspiel-Therapien) und ließen nur die Architektur als buchstäbliches Mauerblümchen weitgehend ausgeschlossen? Eignen der Architektur nicht ebenso spezifische Kunstmittel wie der Musik die Töne, der Malerei die Farben? Welcher Art sind sie ? Wie lassen sie sich therapeutisch anwenden?

Die Aussicht auf die kunsttherapeutischen Möglichkeiten architektonischen Gestaltens ist uns von Häusern und Gebäuden verstellt. Unsere gewöhnlichen Vorstellungen assoziieren mit »Architektur« den großen Maßstab, allein, Gebautes und Gehäuse als Gegenstände architekturaler Phantasie unterliegen keiner Größenbeschränkung: So wenig wie das Wesen der Malerei von der Art und Größe der Malfläche abhängt, ebenso wenig verliert sich das Wesen der Architektur im kleinen Maßstab. Malerei reicht vom Wandgemälde zur Miniatur; Architektur vom Haus bis zum Gehäuse.  Kleinstformatige Malerei ändert ihren Namen, wird Miniatur genannt; kleine Architekturen haben viele andere Namen: man nennt sie beispielsweise »Stuhl« oder »Kästchen«, und im weitesten Sinne »Designobjekte«. Bei kleinformatiger Malerei hindern Name und Begriff »Miniatur« nicht, sie als Malerei zu begreifen. Ein Kästchen aber als Architektur, als architektonisches Kunstobjekt zu begreifen, erscheint nicht wenigen Zeitgenossen als abwegig: Ein Stuhl ist ein Stuhl, ein Kästchen ein Kästchen, Design ist Design. Und doch präsentieren uns Kunst und Design des 20.Jahrhunderts selbst derlei Objekte. Gerade die bildende Kunst bietet handgreifliche Beispiele: Von Cornell, Duchamps und Schwitters bis Beuys und Polke haben Künstler mit Kästchen und Objektkästen, boîtes und boxes mittlerweile ein eigenes Genre geschaffen. Die Vielfalt des Kästchenphänomens innerhalb der Kunst ruft nach einer übergreifenden Revision der Oberbegriffe »Angewandte Kunst« und »Kunsthandwerk«. Design als architektonische Kunst kennt den Begriff Micro-Architektur. Der Italiener Alessandro Mendini hat diesen Begriff 1978/79 für die Bebauung von Tischlandschaften geprägt: »Tea and Coffe Piazzas« lautete die Bezeichnung für diverse Tee- und Kaffee-, Zucker- und Milchgefäße – entworfen von elf international renommierten Architekten und Entwerfern.

Eine phänomenologische Charakteristik der Architektur zeigt, dass der Architekturbegriff alle Bereiche baulichen Gestaltens umfassen kann: Alles, was künstlerisch gebaut wird, ist (logischerweise) Baukunst, – gleichviel ob Kaffeekannenbau oder Kästchenbau, ob Möbelbau oder Hausbau. Eine kunsttherapeutisch fundierte Begriffsbestimmung des Bauens, als architektonisches Gestalten, als Designtherapie innerhalb der Kunsttherapie, erfordert die theoretische Standortbestimmung der Architektur bzw. des Designs als Kunst im Rahmen einer Systematik der Künste. Wir benötigen therapierelevante Erweiterungen des klassischen Kunst- bzw. Architektur- und Designbegriffs, die es ermöglichen, grenzüberschreitende Phänomene wie das »Kästchen«, die »Micro-Architektur«, das »Avantgarde Design«, das »Studio Craft Movement« (wieder) neu als Kunst unter kunsttherapeutischen Aspekten zu interpretieren.
Kleinformatige Architektur-Sujets, Designobjekte, bieten differenzierte kunsttherapeutische Anwendungsmöglichkeiten: von Kannen und Kästchen bis zu Schränken und Stühlen. In der Anwendung von Designgegenständen für die kunsttherapeutische Praxis läßt sich das Kästchengenre relativ einfach handhaben, dagegen stellt beispielsweise ein Stuhlbauprojekt, wie ich es mit Heroinabhängigen unter dem Motto »Sich selbst besitzen« durchgeführt habe, räumlich und zeitlich mehr Ansprüche.

Fragen nach dem Verbleib von Architektur und Design im kunsttherapeutischen Anwendungsspektrum können einerseits aus einem erweiterten Kunstbegriff, aus theoretischen Erwägungen deduziert werden, andererseits aus Praxisproblemen resultieren. Praxisfragen stellen sich je nach Klientel verschieden: In der kunsttherapeutischen Arbeit mit Suchtkranken habe ich mich oft gefragt, wie jemand seine Gedanken, Wünsche, Phantasien nicht nur aufs Papier, sondern auch auf den Boden bringt. Welche künstlerischen Mittel korrespondieren mit: »Auf den Boden der Tatsachen kommen«? – »Verschlossenheit« und »Offenheit«? – »Ganz aus dem Häuschen sein« und »Dachschaden am Oberstübchen«? – Äußerer »Fassade« und innerer Wirklichkeit? – »Tragfähigkeit« einer »Beziehungskiste« ohne »Hintertürchen«? Wie kann man jemandem mit kunsttherapeutischen Mitteln helfen, wieder »Herr im eigenen Haus« zu werden? Wie kommt man vom »Luftschloß« der Drogen fest mit beiden Beinen auf den Boden der Realitäten zu stehen? Wie hängen immaterielle »Seelenhäuser« mit der physischen Leiblichkeit, dem »Körperhaus« zusammen?

»Wo die Seele wohnt« wurde vielfach in imaginären Architekturbildern, in Traum-Häusern durch Malen und Zeichnen zum Ausdruck gebracht. An solchen Bildern vermag man weiterzugestalten, weiterzubauen: Kunsttherapeutische Entwicklungsprozesse in Bilderfolgen kann man vom zweidimensional Bildlichen, z.B. eines Hauses, in dreidimensionale Modelle überführen, in eine komplexere Realität also. Der kunsttherapeutische Ansatz von Ellen A. Roth nennt dieses Verfahren Reality Shaping, Realitätsformung. In einem Fallbeispiel (Larry) berichtet Roth ausführlich von der Ausgestaltung eines zunächst gemalten Hauses hin zu dreidimensionalen Modellhäusern. Nun ist aber die »Realität« eines Architekturmodells noch relativ weit von realer Architektur entfernt, – wenn man an Häuser denkt. Ein reales Kästchen hingegen kann gleichsam Modell sein, oder seinem Modell so nahe sein, dass es zur Verwirklichung nurmehr eines kleinen Schrittes bedarf. Architektur  bietet zudem die Möglichkeit, sich von einseitigen Selbstbezogenheiten lösen zu können und sich im Falle eines Kästchens buchstäblich nach der Welt hin zu öffnen und – sinnvoll zu handeln. Sinnvoll heißt im Fall von gutem Design zugleich immer funktional. Wer sein gemaltes Schatzkästchen oder seinen gezeichneten Traumstuhl auch bauen will, muß Kunstsinn mit Realitätssinn zu verbinden lernen. Die Brücke zwischen Phantasie und Realität kann in umgekehrter Richtung einen Weg zu künstlerischen Prozessen für solche Klienten eröffnen, die sich eher für praktisches »Arbeiten« motivieren lassen und sich dagegen in künstlerischen Tätigkeiten noch unsicher fühlen..

Für Kunsttherapeuten bieten Designprozesse vielfältige interdisziplinäre Erweiterungen der kunsttherapeutischen Möglichkeiten von Malerei und Plastik. Für Architekten, Designer und Schreiner bieten die kunsttherapeutischen Aspekte der Designprozesse erweiterte psychologische Kenntnisse und berufliche Anwendungsmöglichkeiten im sozialen Bereich.

© Prof. Dr. Reinhold J. Fäth
Dipl.Kunsttherapeut (FH)